Reviews | By Holger Adam / testcard #25: Kritik
Draussen vor der Tür: Field-Recordings und Sound-Art von Gruenrekorder
In der letzten Gruenrekorder-Kolumne war ja bereits die Rede davon, dass man ziemlich herum kommt mit den Ohren, wenn man sich mit den CDs des Labels beschäftigt, und das war natürlich ausschließlich positiv gemeint. Die Aufnahmen, die Gruenrekorder veröffentlicht, werden ansprechend präsentiert und sind ein Abenteuer für die Ohren. So auch dieses Mal.

 

RODOLPHE ALEXIS entführt mit The Glittering Thing On The Mountain erneut auf ferne tropische Inseln, wo Vögel wie Synthesizer klingen und mitunter auch bühnentaugliche
Namen wie Ruddy Kingfisher tragen! Es zirpt Tag und Nacht, und noch viele andere Geräusche dringen aus dem Urwald ans Ohr. Wie immer atemberaubend, spannend und entspannend. Noch relaxter geht es bei HAFIS BJARNADÓTTIR zu, deren Sounds Of Iceland überraschend reduziert rüberkommen. Es plätschert, taut, blubbert, rauscht und kocht – je nachdem ob das Mikrophon vor Bäche, Gletscher, heiße Quellen, Wasserfälle oder Lavaströme gehalten wurde. Wasser, Gezeiten, Naturgewalten und gigantische Naturschauspiele, die überraschend intime Sounds generieren. Trotzdem wird es beizeiten recht kalt oder heiß gewesen sein, wobei es sich in angemessener Funktionskleidung sicher neben dem Mikrophon hat aushalten lassen. Die Aufnahmen selbst machen wenig frösteln, im Gegenteil, sie wärmen eher – auch wenn einem der Wind um die Ohren bzw. aus den Kopfhörern pfeift. Großes Kopfkino liefert auch, man mag es nicht meinen, der Rhein. Es muss nicht immer Island sein, Karlsruhe hat es auch in sich. Das Duo RHEIN _ STROM bestehend aus Lasse-Marc Riek (Aufnahmen) und Thomas M. Siefert (Location Scout), dokumentiert den Klang des Rheines und seiner nahen Umgebung Von der Rheinquelle bis Hafen Karlsruhe auf der ebenso benannten CD. Das sind ein paar Hundert Kilometer, festgehalten in 21 Ausschnitten. Und – im Unterschied zur zivilisationsfernen Wildnis einer tropischen Insel oder der relativen Unberührtheit Islands – um den Rhein herum menschelt es, Flugzeuge überfliegen den Fluss und Schiffe befahren ihn, Autos und Züge begleiten ihn. Auch das hört man. Und so stellt das Booklet zur CD die Frage: »Wie können wir als heutige Menschen zu diesem Fluss in Beziehung treten, ohne in der Begegnung mit seiner an manchen Stellen erhaltenen Schönheit wieder einem Romantizismus zu verfallen bzw. im Konfrontiertsein mit den irreparablen Eingriffen sich frustriert und desillusioniert abzuwenden?« Eine Audio-Aufnahme des Flusses und seiner nicht nur natürlichen Geräuschkulisse mag da einen weniger voreingenommenen Zugang gewähren. Der Rhein als Fluss und von Mensch und Maschine geformte und genutzte Ressource klingt hier und da wie eine elektro-akustische Komposition (im Hafen Karlsruhe etwa, wenn sich unter Wasser aufgenommene Schifffahrtsgeräusche in der Aufnahme wiederfinden). Das klingt alles recht spannend und wirft anregende mithin schwerwiegende Fragen auf, die nach Umweltschutz beispielsweise. Eine ökologische Frage, auch für die Ohren. Was muss man nicht alles hören, tagein tagaus! Und was will man nicht hören bzw. was hört man überhaupt, wenn es zirpt und raschelt? So harmlos geht es nicht zu, so unberührt ist die Natur nicht. Wie (drohende) Umweltverschmutzung als Field-Recording klingt, diese Erfahrung kann man sich am Beispiel von MIKEL R. NIETO und seinem Dark Sound eindrücklich vor Augen bzw. Ohren führen. Die Aufnahmen kommen zusammen mit einem pechschwarzen Buch und dokumentieren Naturaufnahmen aus dem Yasuni-Nationalpark in Equador, dessen indigene Bevölkerung und tierischer Artenreichtum durch Bohrungen nach einem Ölvorkommen tief unter dem Naturschutzgebiet nicht mehr nur bedroht ist – die Zerstörung und Vertreibung ist bereits in vollem Gange. So stellt sich beim Zuhören die Frage, ob der Tropenregen schon auf aufgewühlte Erde fällt, die von Rohöl verschmutzt ist, und es knattern auch die Fördermaschinen auf der CD, die dem schwarzen Buch beigelegt ist. Man könnte fragen, ob nicht mit dem schwarzen Buch (schwarzer Druck auf schwarzem Papier) der pädagogische Holzhammer herausgeholt wurde – andererseits entspricht das schwarze, beinahe unlesbare Buch in seinem Aussehen den ölverklebten Vögeln und Meerestieren, deren Bilder in Europa noch am ehesten mit Ölkatastrophen assoziiert werden, und insofern ist die Aufmachung genau passend. Dark Sound zeigt eindrücklich die politische und unbequeme Seite dessen, was Field-Recordings auch sein können. Ähnlich unheimlich auch die Aufnahmen von CHRISTINA KUBISCH / ECKEHARD GÜTHER , die auf Unter Grund Grubenwasser zu Gehör bringen, das sich in stillgelegten Untertagebauschächten sammelt und dort abgepumpt und umgeleitet werden muss, damit es das Trinkwasser in der Region nicht verunreinigt und den Grundwasserspiegel nicht derart anhebt, dass sich das Ruhrgebiet mit der Zeit in »eine riesige Sumpflandschaft« (so ein Zitat aus dem Beiheft zur CD) verwandelt. Langzeitfolgen des Kohlebergbaus, gruselig, hier nachzuhören. Verlassen wir diesen Horror und wenden uns noch kurz der Field-Recording basierten Klangkunst und Musik zu. KG AUGENSTERN sind per Kanalschifffahrt von Berlin bis Maguelone am Mittelmeer gelangt. Das scheint zu gehen und sie haben auf Tentacles ein Klangexperiment festgehalten, das sich wie folgt erklären lässt: Lange Stangen auf dem Kahn kitzelten bei jeder Durchfahrt unter einer Brücke deren Eisenkonstruktion und der dabei entstehende jeweils spezifische Sound wurde festgehalten und im Rahmen von Klanginstallationen in diversen Museen zugänglich gemacht. Das klingt aufwendig und phantasievoll, es scheppert auch ordentlich, aber auf der Reise stelle ich mir das Spektakel interessanter vor, als das konservierte Ergebnis klingt. Das je eigene Klangprofil der Brücken, von dem KG Augenstern im Booklet zur CD schreiben, es kommt nicht so recht rüber. Kommen wir zu DAVID ROTHENBERG / KORHAN EREL. Rothenberg hat ja schon mit Zikaden musiziert, und auf Berlin Bülbül spielt er zu Field-Recordings von Nachtigallen Klarinette. Das ist nach all dem Rauschen und den ökologisch katastrophalen Perspektiven je nach Geschmack läppisch oder erholsam. Es ist beides, lang lebe der Zwiespalt. Ganz unzweideutig Nerven zerfetzend ist das Ergebnis von CLUB BLEU , die auf Dark- Asian- Energy Field-Recordings der Stadt Singapur elektronisch ergänzen, verfremden und bis zur Unkenntlichkeit verzerren. Heraus kommt dabei ein elektro-akustischer Höllenritt. Mir zu stressig, aber möglicherweise hervorragend geeignet, morgens statt mit Kaffee mit dieser Musik in die Gänge zu kommen. Lieber greife ich abschließend zu Sonic Drawings von ROLAND ETZIN , die CD liefert auch nicht gerade Easy-Listening, aber das Soundmaterial ist weniger chaotisch organisiert. Etzin kombiniert Field-Recordings unterschiedlicher Herkunft und verfremdet sie ebenfalls elektronisch. Das geht, um es mal etwas flapsig zu formulieren, bei ihm eher in Richtung Nurse With Wound und nicht – wie bei Club Bleu – in Richtung Atari Teenage Riot. Das mal als lahmer Vergleich zum Abschluss.

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