Reviews | By Holger Adam / testcard #26: Utopien
Draußen vor der Tür: Field-Recordings und Sound-Art von Gruenrekorder
Gruen, gruen, gruen sind alle meine Farben – bereits zum dritten Mal in Folge eine Gruenrekorder-Kolumne in testcard. Wie immer kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man sich die Veröffentlichungen des Frankfurter Labels anhört. Unerschrocken und ohne mit der Wimper zu zucken haben sie die Geräusche von laufenden Filmprojektoren auf Vinyl gepresst: Sounds Of The Projection Box heißt das Album von MICHAEL LIGHTBORNE und es dokumentiert das Rattern der Maschinen, deren Geräusche üblicherweise nicht aus der Kabine von Filmvorführern hinaus dringen. Geräusche, die vom Aussterben bedroht sind, weil Filme ja mehr und mehr digital an Lichtspielhäuser übermittelt und dort abgespielt werden. Insofern wird hier akustisches Kulturerbe archiviert, und wer die Platte auflegt, kann sich bei geschlossenen Augen in die Rolle des Filmvorführers imaginieren und zusätzlich versuchen, den Tonspuren bzw. -fetzen der ablaufenden Filme ein zusätzliches Narrativ abzuringen. Ähnlich abenteuerlich auch die Aufnahmen von GREGORY BÜTTNER, der für Voll.Halb.Langsam.Halt die Fahrt eines alten Dampfschiffes, eines Eisbrechers dokumentierte, bearbeitete und sein Vorgehen sowie das Ergebnis wie folgt kommentiert: „I had the chance to take a trip on the ship from Rostock to Rügen over the Baltic Sea in 2010. The body of the ship is completely built from metal, so it is a big resonant room which sounds very different on each spot which I put my contact mics on (I used two contact mics, so I could record in stereo). I walked around the ship, placing my mics on different areas of the ship and also directly on parts of the steam engine, which is still fired by coal. For the composition I only used the pure recordings without additional sound manipulations, only juxtapositions, transitions and cuts.” Alles klar? Der Kahn bzw. das, was Büttner aus seinen Geräuschen macht, kann locker mit Merzbow mithalten. Harter Stoff. Metallisch kühl, aber weniger krachend klingt auch Gasworks von GERALD FIEBIG feat. EMERGE & CHRISTIAN Z. MÜLLER. Der Ort als Resonanzkörper für Geräusche bildet das Ausgangsmaterial für diese CD. Entsprechend räumlich ist in der Tat viel von dem, was es zu hören gibt, organisiert: Echo und Hall spielen eine große Rolle im Klangbild – aber auch eine dialekt-gefärbte Stimme, die von der industriellen Nutzung des Gebäudes erzählt, kommt, ergänzt um Geräusche, zu Wort. So entsteht für das Gaswerk von Augsburg-Oberhausen ein Denkmal. Der gleichermaßen verspielte und dokumentarische Charakter der musikalischen Arbeiten verwandelt den frühindustriellen Arbeitsalltag in eine geisterhafte Klangreise: „Des gibt’s heut‘ nimmer.“ Bemerkenswert. Maschinenmusik ist auch auf der Slotmachine-10“ versammelt, einem Projekt von ACHIM ZEPEZAUER, der von unterschiedlichen Musiker*innen jeweils 45 Sekunden lange Klangskizzen anfertigen ließ, die in der Logik eines Spielautomaten und nach Zufallsprinzip geleichzeitig aufgerufen werden können. Realisiert ist das im Rahmen einer Online-Anwendung, die das Bedienen eines virtuellen Spielautomaten zur Erzeugung der Zufalls-Kompositionen zugänglich macht, hier: http://slotmachine.kuhzunft.com. Viel Spaß! (Die 10“ dokumentiert nur einen kleinen Teil der gewissermaßen unendlichen Kombinationsmöglichkeiten.) Auch KATHARINA KLEMENT liefert mit Peripheries, einem akustischen Portrait der Stadt Belgrad, eine quirlig-nervöse und herausfordernde Arbeit ab. Unter Zuhilfenahme des Stadtplans erstellte Klement eine kartographisch inspirierte Partitur. Verschiedene Lokalitäten in der Stadt wurden aufgezeichnet und ineinander gemischt. So entsteht ein wahres Klang-Gewimmel, das beizeiten wirklich anstrengend sein kann. Ich empfehle nach Selbstversuch folgendes: Die Aufnahmen auf dem Balkon abspielen und die Balkontüre offenlassen, während man im Zimmer bleibt. So entsteht der Eindruck, draußen sei Belgrad! Bei der Gelegenheit gebe ich gerne zu, dass mir im Zweifel die eher ruhigen Aufnahmen aus tropischen Gefilden lieber sind. F. Guyana von MARC NAMBLARD hilft sich vom Stress in Belgrad zu erholen. Allerlei hypnotisches Summen, Surren und Dröhnen der Flora und Fauna von der Nordküste Südamerikas! Auch DAVID ROTHENBERG hat wieder mit allerlei Vögeln Musik gemacht und sich für Nightingale Cities auch zusätzliche menschliche Instrumentalist*innen dazu geholt. Die in Berlin und Helsinki angefertigten Aufnahmen gehören sicherlich zum zugänglichsten Material in dieser Kolumne, die Vögel sind freundliche Wesen, die Musik ist es auch. Wer noch nie eine Gruenrekorder-Produktion gehört hat, kann vielleicht auf diesem Weg einen sanften Einstieg in den Katalog des Labels finden. Frühlingsmusik. Ganz anders und noch besser: die Windharfen-Aufnahmen auf Path Of The Wind von EISUKE YANAGISAWA. Windharfen, große Saiteninstrumente in die Brise gestellt, werden buchstäblich von der Natur gespielt und je nachdem, wo die Windharfen standen mischen sich unterschiedliche Umgebungsgeräusche unter die betörenden Klänge der Instrumente. Ambient Drone mit Seemöve. Minimal Music mit Meeresrauschen. Näher an New Age Klanglandschaften waren Gruenrekorder vielleicht nie, und es schadet nicht: Absolutes Highlight! Das Meer rauscht auch auf De Rerum Natura / Dance of the Elements von MERZOUGA, die nichts geringeres als eine Komposition auf Grundlage des Lehrgedichtes von Lucretius‘ wagen. Soweit so ambitioniert, aber da muss man sich nicht abschrecken lassen. Musik ist immer Ausdruck von Ideen, hier eben einer dezidiert philosophischen. Und elektronische Musik eignet sich auch nicht erst seit gestern, zur Verdeutlichung, mithin Vermittlung abstrakter Vorstellungen. Und so knistert es kleinteilig, die Atome tanzen unsichtbar aus den Lautsprechern, eine Stimme flüstert hier und da Versatzstücke in englischer und lateinischer aus dem Gedicht usw. – ein kurzeiliges, abwechslungsreiches und durchaus spannendes Hörerlebnis, das dem Überbau entsprechen mag; letztlich aber spielt es zum Genuss der Komposition keine entscheidende Rolle, würde ich meinen. Ähnlich gelagert ist es womöglich im Fall von The Secret Life of the Inaudible von ANNEA LOCKWOOD und CHRISTINA KUBISCH anzuhören. Die beiden Klangkünstlerinnen haben sich Soundfiles von an sich bzw. für Menschen nicht hörbaren geophysikalischen Phänomenen zur gegenseitigen Bearbeitung vorgelegt: elektromagnetische Wellen, Ultraschallwellen, Sonnenwinde… akustische Ereignisse also, die zunächst technisch in eine für das menschliche Ohr hörbaren Frequenzbereich überführt werden müssen und von Kubisch und Lockwood bearbeitet wurden, und die dann – wie auch immer das im Detail von Statten ging – daraus sozusagen dunkle Materie gewannen. Mich würde einmal interessieren, inwiefern, das geologisch-kosmische Quellenmaterial, wo es ohnehin in den hörbaren Bereich übersetzt und also synthetisiert werden muss, nicht auch anders, also mit weniger Aufwand, generiert werden könnte? Ich nehme behelfsweise an, es wäre nicht dasselbe! Wie dem auch sei, das Ergebnis fasziniert: Sunn O))) – Kindergarten dagegen. Finster dräuende, pechschwarze Klangflächen. Wahrhaft infernalische Musik aus dem Reich des sonst Nichtwahrnehmbaren. Hervorragend.

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