{"id":12936,"date":"2015-01-05T18:25:39","date_gmt":"2015-01-05T18:25:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12936"},"modified":"2019-10-06T21:42:14","modified_gmt":"2019-10-06T21:42:14","slug":"review-by-holger-adam-testcard-24-bug-report-digital-war-besser","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12936","title":{"rendered":"Review | By Holger Adam \/ testcard #24"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Reviews | By Holger Adam \/ <a href=\"http:\/\/www.testcard.de\/titel\/1613\/testcard-24-bug-report-digital-war-besser\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">testcard #24: Bug Report. Digital war besser<\/a><\/strong><br \/>\n<em>Drau\u00dfen vor der T\u00fcr: Field-Recordings und Sound-Art von Gruenrekorder<\/em><br \/>\nMan kommt ganz sch\u00f6n rum, wenn man sich die Ver\u00f6ffentlichungen des Frankfurter Labels Gruenrekorder anh\u00f6rt \u2013 zumindest mit den Ohren! Von Helgoland auf die \u00c4u\u00dferen Hebriden, von dort aus \u00fcber Alert Bay, Kanada in die w\u00e4rmeren Gefilde der Kleinen Antillen (Guadeloupe und Dominica), dann weiter nach Kamerun und schlie\u00dflich zu den Bayaka Pygm\u00e4en nach Zentralafrika! Mehrere tausend Kilometer in nur wenigen Stunden. Die Reise h\u00e4lt einige \u00dcberraschungen bereit und wirft viele Fragen auf, wie die danach, ob wohl die jeweils an den verschiedenen Orten Einheimischen, ihr Zuhause mit den Ohren erkennen w\u00fcrden, wenn man ihnen Aufnahmen, wie die vorliegenden, vorspielen w\u00fcrde? Eine Frage, die ich mit Blick auf meine zu erwartende Taubheit gegen\u00fcber der eigenen heimischen Klangkulisse eher verneinen w\u00fcrde. Ich w\u00fcrde sicherlich versagen, die Gegend akustisch zu erkennen, wenn man mir Field-Recordings aus den Regionen vorspielen w\u00fcrde, in denen ich lange gelebt habe oder noch lebe. Nat\u00fcrlich ist das nicht der Sinn, der sich mit diesen CD-Aufnahmen verbindet. Im Vordergrund steht eher die Musikalit\u00e4t der Au\u00dfenwelt im Sinne einer sozusagen biologischen oder \u00f6kologischen Musique Concr\u00e8te.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So kann ich dank <strong>LASSE-MARC RIEKS <a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10129\">Helgoland<\/a><\/strong>-Aufnahmen dem Sand, der Brandung und dem Sturm auf der Nordseeinsel zuh\u00f6ren und einer Vielzahl von V\u00f6geln wie dem Basst\u00f6lpel, der K\u00fcstenseeschwalbe oder der Dreizehenm\u00f6we, die alle auf Helgoland br\u00fcten und leben. Warum, womit und in welcher Weise Lasse-Marc Riek auf Helgoland gearbeitet hat, das erl\u00e4utern Texte im Booklet zur CD, die zu lesen, sehr informativ ist, weil auch die Frage behandelt wird, worin denn eigentlich der k\u00fcnstlerische Aspekt von Field-Recordings besteht, wenn diese scheinbar nur Natur als Tonaufnahme dokumentieren? Ein Mikrophon in die Luft halten kann doch schlie\u00dflich jeder! Wirklich? Mit einem eingebildeten Fischbr\u00f6tchen in der Hand (auch so eine Frage: Macht die Musik der Nordseek\u00fcste Appetit auf Fisch?) verlasse ich Helgoland und reise weiter in den kalten Norden Europas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weit vor der K\u00fcste Schottlands liegen die \u00c4u\u00dferen Hebriden, wo <strong>CATHY LANE <a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10760\">The Hebrides Suite<\/a><\/strong> aufgenommen hat, und sogleich stellt sich die n\u00e4chste Frage: Wird mir kalt, wenn ich Aufnahmen aus einer Gegend h\u00f6re, in der das ganze Jahr \u00fcber eher niedrige Temperaturen herrschen? Nach einer Decke zu fragen fiele mir schwer, denn die schottisch-g\u00e4lische Sprache der Bewohner_innen der Inseln, die ebenfalls Teil der Aufnahmen ist, ist nicht ganz so leicht verst\u00e4ndlich. Aber man w\u00fcrde ja bemerken, dass mich fr\u00f6stelt, oder? Daher nichts wie raus aus dem nass-kalten Klima und ab in den S\u00fcden auf die Kleinen Antillen, und schon w\u00e4rmt mich der Sound der Tropenv\u00f6gel, die nachts aus dem Dschungel heraus vernehmbar sind. Ein wenig gruselt mich der Gedanke an das dunkel-gr\u00fcne Dickicht allerdings auch. Daran ist nat\u00fcrlich nicht der Dschungel sondern mein durch Kulturindustrie verbildetes Bewusstsein schuld, dr\u00e4ngt sich mir doch Werner Herzog mit seiner Rede \u00fcber die Obsz\u00f6nit\u00e4t des Dschungels ins Ohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>RODOLPHE ALEXIS\u2019 <a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10712\">Morne Diablotins<\/a><\/strong> (nach dem h\u00f6chsten Berg der Insel Dominica benannt) sch\u00fcchtert mich aber letztlich doch nicht ein. Im Gegenteil, die Aufnahmen sind sehr gut dazu geeignet, Stadtbewohner_innen ohne Balkon zumindest bei offenem Fenster und geschlossenen Augen zu suggerieren, sie s\u00e4\u00dfen des Nachts auf einer Karibikinsel auf der Veranda: Es zirpt und ruft aus verschiedener Tiere Kehlen und insgesamt strahlen die Aufnahmen eine gro\u00dfe Ruhe aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht ruhig scheint es in Kamerun zuzugehen, wohin <strong>CHRISTINA KUBISCH UND ECKEHARD G\u00dcTHER<\/strong> reisten, um mit vielstimmigen Aufnahmen von Kirchench\u00f6ren, Stra\u00dfenszenen und anderen musikalischen Gelegenheiten, zur\u00fcckzukehren. Nat\u00fcrlich (also w\u00e4re die Frage bereits beantwortet, inwiefern der akustische Eindruck schon bestehende Vorstellungen best\u00e4tigt?) hupen auf <strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10742\">Mosa\u00efque Mosaic<\/a><\/strong> hektisch immer wieder Fahrzeuge in die verschiedenen Klangbilder hinein. Ich frage mich also sogleich, inwiefern meine wei\u00dfen Ohren, schwarzen Klischees auf den Leim gehen: Auto fahren sie wie die Henker, in Kamerun \u2013 aber sie haben gute Laune! Um jetzt einem Missverst\u00e4ndnis vorzubeugen: Ich sage nicht, dass die Audio-Collage von Kubisch\/G\u00fcther mit derart kolonialistischen Ohren zusammengestellt ist \u2013 es ist eher die Geschichte und die Pr\u00e4gung der eigenen Ohren und H\u00f6rgewohnheiten, die solche Aufnahmen auch thematisieren k\u00f6nnen \u2013 und nicht eindeutig beantworten. Denn wie anfangs erw\u00e4hnt, ich wei\u00df ja schon was ich anh\u00f6ren werde, bevor ich es h\u00f6re, denn ich habe schon vorher die CD-Verpackung angeschaut und ein wenig in den beiliegenden Booklets gebl\u00e4ttert. Ein Blind-Date mit all den vorgestellten Ger\u00e4uschquellen f\u00fchrte eventuell zu \u00fcberraschenden Ergebnissen, und pl\u00f6tzlich l\u00e4ge Kamerun in Oberbayern. Man sollte seinen Ohren also nicht zu sehr trauen! Aber man kann sehen bzw. h\u00f6ren, wie diese Aufnahmen zu allerlei Auseinandersetzung anregen! Es macht wirklich gro\u00dfen Spa\u00df, diese CDs zu h\u00f6ren und sich mit den aufgeworfenen Fragen zu besch\u00e4ftigen \u2013 wof\u00fcr ich ja gar keine Muse h\u00e4tte, w\u00fcrde ich tats\u00e4chlich den beschwerlichen Weg zu all diesen Orten auf mich nehmen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dokument einer Reise ist auch der Soundtrack zum Film <strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12032\">Song From The Forest<\/a><\/strong>, der den Amerikaner <strong>LOUIS SARNO<\/strong> portr\u00e4tiert, der seit drei\u00dfig Jahren in Zentralafrika bei den Bayaka Pygm\u00e4en lebt. Urspr\u00fcnglich angelockt durch die Musik des indigenen Volkes, reiste er in den Dschungel, um Ton-Aufnahmen zu machen und blieb. Der Film von Michael Obert, den ich noch nicht kenne, erz\u00e4hlt die Geschichte von Sarno, seiner Leidenschaft f\u00fcr die Musik der Bayaka und seinem Sohn Samedi, den er im Alter von dreizehn Jahren mit in seine alte Heimat, nach New York City, nimmt. Zum Film kann ich hier nichts weiter sagen, aber der Soundtrack, bestehend aus Field-Recordings der Ges\u00e4nge und Instrumente der Bayaka im Dschungel Zentralafrikas, macht neugierig darauf, ihn anzuschauen. Der Soundtrack funktioniert allerdings auch ohne Film, und l\u00e4sst eigene Bilder im Kopf entstehen, so wie auch die anderen hier besprochenen Aufnahmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Bild und Ton (und Schrift) ist <strong>HEIN SCHOERS <a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12019\">The Sounding Museum: Box Of Treasures<\/a><\/strong>, das Ergebnis einer Klangforschungsreise nach Alert Bay in Kanada, dokumentiert. Ein Pappschuber enth\u00e4lt mit zwei DVDs und einer CD sowie einem knapp 400-seitigen Buch die multimediale Vollbedienung, um in die Welt von Alert Bay vor der K\u00fcste Vancouvers einzutauchen. Das Paket stellt eine Art audio-visuell anthropologische Studie dar, die eine F\u00fclle von Material bereith\u00e4lt, dem ich kurz vor Redaktionsschluss nicht mehr Herr wurde, das aber zur weiteren Erkundung einl\u00e4dt. Abschlie\u00dfend noch zu drei weiteren CDs, die sich aber nicht durch reine Field-Recordings auszeichnen, sondern die elektro-akustische Kompositionen beinhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufnahmen unterschiedlicher Quellen hat <strong>DANIEL BLINKHORN<\/strong> im Studio bearbeitet und auch durch zus\u00e4tzliche Instrumente bzw. Einspielungen von Gitarre, elektronischen Elementen und Klarinette erg\u00e4nzt. Daraus resultiert die gut einst\u00fcndige Komposition <strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=9841\">Terra Subf\u00f3nica<\/a><\/strong>: 19 Tracks, die vom Klangbild her d\u00fcster, schwebend und minimal gehalten sind. Nenn\u2019 es \u201eGer\u00e4usch-Musik\u201c, \u201eNeue Elektronische Musik\u201c oder etwas poppiger gefasst \u201eDark Ambient\u201c, das ist egal. Die Musik ist stark genug, solche Etikettierungen auszuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter geht\u2019s mit <strong>MERZOURGA<\/strong>, einem Duo bestehend aus Janko Hanushevsky und Eva P\u00f6pplein, das aus dem Berliner Phonogram Archiv Wachszylinder benutzen durfte, um die darauf enthalten Aufnahmen zu digitalisieren und zu einer elektro-akustischen Komposition zu verschmelzen. Mit wissenschaftlicher Akribie ist diese Zeitreise in die phonographische Vormoderne im Booklet festgehalten. Die Aufnahmen aus den Jahren von 1905 bis 1931 stammen aus allen Ecken der Welt, aus der Schweiz, Samoa, Ungarn, \u00c4gypten, China etc. &#8230; Verzeichnet ist, soweit bekannt, wo sie aufgenommen wurden und wann, aber nicht von wem. Dass Janko Hanushevsky und Eva P\u00f6pplein im Booklet den anonymen Urheber_innen der T\u00f6ne, die sie verwendet haben, danken, kann nicht hoch genug bewertet werden. Es ist vor dem Hintergrund vieler Reissues mit so genannter ethnischer Musik, deren Urheber_innen nie gedankt wird, geschweige denn, dass sie daf\u00fcr entlohnt wurden oder werden, mehr als eine forschungs-ethische Geste, zumindest zu bemerken, dass man sich Musik nur ausleiht und daf\u00fcr bedankt, sie benutzen zu d\u00fcrfen. Das Ergebnis auf <strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=11006\">52\u00b046\u2019 North 13\u00b029\u2019 East. Music For Waxcylinders<\/a><\/strong> (die Koordinaten sind die des Museums, in dem die Zylinder aufbewahrt werden) ist die Aufnahme eines Live-Konzertes von Merzouga aus dem Jahr 2012, zu dem die Wachszylinder-Aufnahmen zusammen mit elektronischen Elementen (Eva P\u00f6pplein) und dem elektrischem Bass von Janko Hanushevsky zu Auff\u00fchrung kamen. Eine wundersam \u00fcberzeitliche Aufnahme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch eine Arbeit von Pauline Oliveros, Timothy Hill und David Rothenberg als <strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12115\">CICADA DREAM BAND<\/a>.<\/strong> Rothenbergs Bug Music (siehe Review in testcard 23), Field-Recordings von Insekten, bilden ein Element der Komposition, die durch Oliveros Akkordeon und Timothy Hills Stimme komplettiert wird. Rothenberg selbst spielt auch noch Klarinette. Im Ergebnis gibt es dann eine meditative Musik zu h\u00f6ren, die ebenso zirpt, wie sie sanft schwingt. Deep Listening mit Krabbeltierchen, gewisserma\u00dfen. Sehr sch\u00f6n.<br \/>\nHolger Adam (ha)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.testcard.de\/titel\/1613\/testcard-24-bug-report-digital-war-besser\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">link<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Reviews | By Holger Adam \/ testcard #24: Bug Report. Digital war besser Drau\u00dfen vor der T\u00fcr: Field-Recordings und Sound-Art von Gruenrekorder Man kommt ganz sch\u00f6n rum, wenn man sich die Ver\u00f6ffentlichungen des Frankfurter Labels Gruenrekorder anh\u00f6rt \u2013 zumindest mit den Ohren! 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