{"id":12999,"date":"2015-01-07T21:13:31","date_gmt":"2015-01-07T21:13:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12999"},"modified":"2019-10-06T21:40:34","modified_gmt":"2019-10-06T21:40:34","slug":"review-by-curt-cuisine-skug-journal-fuer-musik-hail-to-the-sound-eine-kurze-wuerdigung-des-deutschen-gruenrekorder-labels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=12999","title":{"rendered":"Review | By Curt Cuisine \/ skug \u2013 Journal f\u00fcr Musik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Review | By Curt Cuisine \/ skug \u2013 Journal f\u00fcr Musik<\/strong><br \/>\n<strong>Hail to the Sound!<br \/>\nEine kurze W\u00fcrdigung des deutschen Gruenrekorder-Labels.<\/strong><br \/>\nUnl\u00e4ngst versuchte ich drei PhilosophiestudentInnen zu erkl\u00e4ren, \u00fcber welche Art von Musik ich beim skug schreibe. Witzigerweise gibt es bei so einer Gelegenheit einen Satz, der immer f\u00e4llt, egal wo und in welchem Milieu: \u00bbDas ist f\u00fcr mich keine Musik mehr!\u00ab Mit einem Unterschied allerdings. Als strammer Intellektueller ist man einsichtig und sofort bereit \u00fcber die Definition von \u00bbMusik\u00ab zu reflektieren, w\u00e4hrend man andernorts die Grundaussage noch mit einem \u00bbSo a Schas!\u00ab unterstreicht. Eines meiner Lieblingsbeispiele f\u00fcr \u00bbSo an Schas\u00ab ist die CD \u00bbSwiss Mountain Transport Systems\u00ab von Ernst Karel, 2012 beim deutschen Label Gruenrekorder erschienen. Wir h\u00f6ren auf neun Tracks neun verschiedene Formen von Bergtransportsystemen. Track 4 etwa pr\u00e4sentiert die viersitzige Gondelbahn von Graub\u00fcnden. Wir h\u00f6ren den Wind, das Knarzen der Gondel und bei jeder Strebe das Rattern \u00fcber die Rollen. Mmh, ein Genuss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ist das noch Musik? Darum geht es nicht. Woher die seltsame Erwartungshaltung, dass auf einer Silberscheibe oder auf Vinyl auf jeden Fall \u00bbMusik\u00ab zu h\u00f6ren sein muss? H\u00f6rb\u00fccher gibt es ja auch, oder? Aber das ist nat\u00fcrlich die falsche F\u00e4hrte, hier geht es um T\u00f6ne, Kl\u00e4nge, Sounds um ihrer selbst willen bzw. als Kunstform. Um diese Kunstform zu f\u00f6rdern, wurde 2003 das deutsche Gruenrekorder-Label von Roland Etzin und Lasse-Marc Riek in Frankfurt am Main gegru\u0308ndet. Das geschah nicht aus heiterem Himmel, sondern man st\u00fctzte sich auf eine h\u00fcbsche Reihe von Referenzen, die von Moondog \u00fcber Bernie Krause, Walter Tilgner, Bill Fontana oder Ultra Red bis zu den Einstu\u0308rzenden Neubauten oder Autechre reichen. Nat\u00fcrlich d\u00fcrfen auch John Cage oder La Monte Young als geistige V\u00e4ter nicht fehlen, wenn es darum geht, den Klang (bzw. Sound) als eigenst\u00e4ndiges Ph\u00e4nomen zu betrachten, ihn sozusagen vor aller Musik in sein Recht zu setzen. Und da man mittlerweile gut vernetzt ist, etwa mit dem World Forum For Acoustic Ecology, Phonography.org, The Wildlife Sound Recording Society oder Ear to the Earth, hat sich Gruenrekorder mittlerweile eine h\u00fcbsche internationale Reputation erworben \u2013 was nat\u00fcrlich nicht zuletzt auch an der stringenten Ver\u00f6ffentlichungspolitik liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Field recordings in Reinkultur<\/strong><br \/>\nAber es ist nicht alles nur Tondokument. Gruenrekorder unterscheidet zwischen field recordings, soundscapes und sound art, wobei reine field recordings meist auf ein bestimmtes Terrain beschr\u00e4nkt sind. So ver\u00f6ffentlichte <strong>Lasse-Marc Riek<\/strong> 2013 etwa eine CD namens \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10129\">Helgoland<\/a><\/strong>\u00ab auf der Brandung, Lummenfelsen, K\u00fcstenseeschwalben oder Dreizehenm\u00f6wen zu h\u00f6ren sind. <strong>Christina Kubisch und Eckehard G\u00fcther<\/strong> wiederum pr\u00e4sentieren auf \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10742\">Mosa\u00efque Mosaic<\/a><\/strong>\u00ab unterschiedlichste Soundschnipsel aus Kamerun, von der Metallwerkstatt \u00fcber den Stra\u00dfenmarkt bis hin zur Morgenatmosph\u00e4re. Oder, um noch ein anderes Beispiel zu nehmen, 2012 marschierte der Amerikaner <strong>David Michael<\/strong> auf \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=8187\">The Slaughterhouse<\/a><\/strong>\u00ab mit seinem Mikrophon durch eben ein solches. Penibel wurde in den Liner Notes notiert, dass man an dieser und jener Stelle die verendenden Tiere h\u00f6ren k\u00f6nne. Man sollte sich dennoch keinen naturalistischen H\u00f6rkrimi darunter vorstellen, auch hier ist ein Aspekt der musique concr\u00e8te ganz wesentlich, die Trennung des Klangs von seiner Quelle und die sich dadurch er\u00f6ffnenden Reinterpretationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die H\u00f6rerInnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter soundscapes wiederum pr\u00e4sentiert das Label Bearbeitungen von field recordings, etwa \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=11006\">52\u00b046\u2019 North 13\u00b029\u2019 East \u2013 Music for Wax-Cylinders<\/a><\/strong>\u00ab von Eva P\u00f6pplein und Janko Hanushevsky aka <strong>Merzouga<\/strong>. F\u00fcr diese Arbeit wurden historische Wachszylinderaufnahmen aus dem Archiv des ethnologischen Museums in Berlin (etwa aus Mexiko, Ungarn, \u00c4gypten, Bali etc.) als Grundlage f\u00fcr eine elektroakustische Komposition und Improvisation genommen. Auf \u00e4hnliche Weise umspielt <strong>Daniel Blinkhorn<\/strong> auf \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=9841\">Terra Subf\u00f3nica<\/a><\/strong>\u00ab verschiedenste Naturger\u00e4usche mit zus\u00e4tzlichen instrumentalen Soundquellen. Aber w\u00e4hrend P\u00f6pplein und Hanushevsky in ihrer Bearbeitung eher auf die Eigenheiten des Tonmaterials (z. B. das enorme Knistern) reagieren, um dieses dadurch noch mehr zur Geltung zu bringen, l\u00e4sst sich Blinkhorn von den vorgefundenen Sounds kompositorisch inspirieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Burmese Days<\/strong><br \/>\nIrgendwo dazwischen befindet sich \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10931\">Burmese Days<\/a><\/strong>\u00ab von <strong>Peter Kutin<\/strong>, basierend auf Tonaufnahmen aus Myanmar im Jahr 2012. Mit Hilfe von dieb13 (electronics &amp; turntables) und Berndt Thurner (burmese metallophones) wandelt Kutin sein originales Soundtagebuch in ein Soundessay um, das f\u00fcr Gruenrekorder-Verh\u00e4ltnisse fast schon ungew\u00f6hnlich eing\u00e4ngig und soundmalerisch ist. Eine bemerkenswerte Ver\u00f6ffentlichung, die auf jeden Fall n\u00e4her an der Elektroakustik denn an der Phonographie bzw. Tonaufzeichnungskunst ist. Was vermutlich auch daran liegt, dass Kutins Aufnahmen urspr\u00fcnglich f\u00fcr ein Radiofeature verwendet wurden, was den Wiener aber wenig zufrieden stellte. So kam es zun\u00e4chst zur akustischen Erg\u00e4nzung durch die burmesischen Metallofone (die Teil der Musiksammlung des Wiener Radiosymphonieorchesters sind), die von Kutin als Leitelement zur Strukturierung der Aufnahmen eingesetzt wurden. F\u00fcr die Einspielung auf LP kam dann Dieter Kova\u010di\u010d aka dieb13 ins Spiel. So uneinheitlich dieser Entstehungsprozess auch wirkt, das Resultat wirkt \u00e4u\u00dferst stringent und konzise. Aber vielleicht eben auch darum, weil der Schritt von Ger\u00e4usch zu Musik im Prinzip nur ein minimaler ist. Es gen\u00fcgt, Ger\u00e4usche zu arrangieren, schon sind wir mitten drinnen in der Musik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Begriffsfelder hier sind ohnehin weit und oft kaum abgrenzbar. Was etwa trennt die Sparte sound scapes von der Sparte sound art? Schwer zu sagen, au\u00dfer das sound art bei Gruenrekorder offenbar unter dem Motto \u00bbk\u00fcnstlerische Ermittlungen in Sachen Sound\u00ab steht? Exemplarisch ist hier etwa zuletzt mit \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10937\">Terra Prosodia<\/a><\/strong>\u00ab von <strong>Antje Vowinckel<\/strong> eine Arbeit erschienen, die sich mit dem Verschwinden von Sprachen und Dialekten auseinander setzt. Definitiv ein l\u00f6bliches Unterfangen, aber zum Abschluss gehen wir noch einmal zur\u00fcck zu den field recordings bzw. zu einem Beispiel f\u00fcr die fr\u00f6hliche Kompromisslosigkeit des Labels. Gemeinsam mit seinem Kollegen <strong>Christoph Korn<\/strong> gibt <strong>Lasse-Marc Riek<\/strong> auch eine \u00bb<strong><a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/?page_id=10987\">Series Invisibles<\/a><\/strong>\u00ab heraus, von der es bereits zwei Ausgaben gibt. Dabei handelt es sich um ein CD-Booklet \u2013 allerdings ohne CD. Denn im Booklet vermerkt sind Aufnahmen, die sp\u00e4ter wieder gel\u00f6scht wurden. Wer das Booklet durchbl\u00e4ttert h\u00f6rt trotzdem etwas, n\u00e4mlich the sound of imagination. Oder, wenn man so will, musique concr\u00e8te in Reinkultur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Label gibt auch eine Fachmagazin heraus, zu finden unter<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.gruenrekorder.de\/fieldnotes\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.gruenrekorder.de\/fieldnotes\/<\/a><br \/>\nDer Vollst\u00e4ndigkeit halber sei erw\u00e4hnt, dass sich dieser Text auch auf Infos aus diesem Interview st\u00fctzt<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kunstradio.at\/PROJECTS\/CURATED_BY\/USS\/interview.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.kunstradio.at\/PROJECTS\/CURATED_BY\/USS\/interview.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Review | By Curt Cuisine \/ skug \u2013 Journal f\u00fcr Musik Hail to the Sound! 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